Anders als im „Abendland“, dessen Kunstgeschichte immer
wieder starke Einschnitte in Form von Stilwechseln erlebt
hat, ist die chinesische Kunst über Jahrhunderte hinweg von
einer erstaunlichen Kontinuität geprägt. In der Ming-Novelle
(14. bis 17. Jahrhundert) ist noch weithin ihr Vorbild aus
der Tang-Zeit (7. bis 10. Jahrhundert) zu erkennen.
Landschaftsgemälde eines Qing-Malers (17. bis 20.
Jahrhundert) sind im Grunde ähnlich aufgebaut wie jene der
Song-Dynastie (10. bis 13. Jahrhundert). Ein Grund dafür ist
der in China von jeher verbreitete „Respekt vor der
Tradition“. Nicht die Schaffung von Neuem war primäres Ziel
der Künstler, sondern die möglichst originalgetreue
Nachahmung der Vorbilder der Alten – die im Übrigen in
keiner Weise als Plagiat oder in anderer Weise als unlauter
empfunden wird. Letztlich fußt diese Auffassung im
konfuzianischen Weltbild, das u.a. dem Schüler die Verehrung
des Meisters gebietet.
Aber
auch die anderen in China verbreiteten religiösen und
philosophischen Lehren gewannen immer wieder erheblichen
Einfluss auf das Kunstschaffen. Weder die chinesische
Malerei noch die Gedichte der Tang-Poeten wären etwa ohne
den Daoismus denkbar. Schon thematisch befassen sie sich
häufig mit dem Postulat eines Lebens im Einklang mit der
Natur. Aber auch die Maltechnik verrät Einflüsse der
daoistischen Yin- und-Yang-Lehre, etwa in dem dialektischen
Wechsel zwischen bemalten und leeren Flächen, oder in dem
Gegensatz zwischen „nassen“ und „trockenen“ Pinselstrichen.
Daneben tauchen natürlich auch Figuren der daoistischen
Mythologie immer wieder in Werken der chinesischen Kunst
auf. Schwächer ausgeprägt sind indes die Einflüsse des
Buddhismus, zumal dieser im Laufe der Zeit ohnehin teilweise
bis zur Unkenntlichkeit sinisiert wurde. Ab dem 16.
Jahrhundert traten, insbesondere vermittelt durch die
Tätigkeit europäischer Missionare, auch westliche Einflüsse
hinzu.
Träger der chinesischen Kunst waren schon aus finanziellen
Gründen größtenteils der Kaiserhof bzw. höfische und
Gelehrtenkreise. Daneben gab es besonders in der Literatur
und Malerei auch einsame Künstlerpersönlichkeiten, die ihre
Werke fernab der Menschen in ländlicher Gegend, in
Gebirgstälern o.ä. schufen. Meist handelt es sich hierbei
aber um Gelehrte oder gar ehemalige Beamte, die aus
Frustration oder Empörung über die herrschenden politischen
Zustände der Welt den Rücken gekehrt hatten. Ein Anstieg
dieser Bewegung war üblicherweise nach Dynastiewechseln zu
beobachten, in besonderem Maße als Mitte des 17.
Jahrhunderts die mandschurischen Fremdherrscher
(Qing-Dynastie) die Macht übernommen hatten.
Ausstrahlungswirkungen der chinesischen Kunst sind im
gesamten ostasiatischen Raum zu beobachten. Besonders
ausgeprägt sind sie naturgemäß in Gebieten, die zeitweise
unter chinesischer Herrschaft standen wie die
„Vasallenstaaten“ Korea und Vietnam, oder von Chinesen
besiedelt wurden (Singapur, Malaysia, Indonesien). Aber auch
die japanische Kunst verdankt dem Reich der Mitte in dieser
Hinsicht sehr viel. In manchen Teilbereichen gelang es den
Epigonen sogar, ihr Vorbild zu überflügeln, wie etwa in der
in Japan zu höchster Blüte gelangten Lackkunst. Ab dem 16.
Jahrhundert wurden chinesische Kunstwerke – insbesondere
auch Porzellan – in größerem Umfang nach Europa exportiert,
wo sie Einfluss auf die abendländische Kunst gewannen.
Die Kunst Taiwans sowie die der chinesischen Emigranten kann
als Teil der chinesischen Kunst betrachtet werden, in der
sie ihre Wurzeln hat.Abbildung oben:
Landschaftstuschbild von Dong Qichang (1555–1636)
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