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Traditionelle chinesische Medizin in Taiwan, Japan und im Westen

 

Inhaltsverzeichnis:


 

Taiwan

In Taiwan konnte sich die herkömmliche Medizin trotz ungehindert westlich orientierter Modernisierung halten und wird heute ergänzend zur modernen westlichen Medizin praktiziert. Taiwan hat seine eigene TCM-Tradition, die stärker durch alte Ärztefamilien geprägt ist, traditioneller und somit weniger standardisiert ist, mehr spirituelle Elemente beibehielt. Taiwan bildet auch kaum Ausländer in der TCM aus. Nicht unerwähnt sollte jedoch bleiben, dass auch der Durchschnittschinese im Zweifelsfall eher auf Behandlungsmethoden der modernen Medizin vertraut, was jedoch zu einem ausgeprägten Missbrauch von Medikamenten führt. Die pharmakodynamische und pharmakokinetische Toleranz-Rate ist deswegen in Taiwan sehr hoch. TCM findet vor allem bei chronischen Erkrankungen, als Zusatzbehandlung, oder bei austherapierten Patienten Anwendung. Großer Beliebtheit erfreuen sich in Taiwan auch Restaurants, die medizinale Gerichte entsprechend der Ernährungslehre der CM anbieten.


Japan

Der Import chinesischer Medizin nach Japan setzte zu Beginn des 7. Jahrhunderts ein.[15] Eine frühes Zeugnis der Beschäftigung mit dieser Heilkunst ist die medizinische Schrift „Ishinpo“ (医心方) von 982.

Die Entwicklung in Japan wurde stets von chinesischen Quellen stimuliert, doch blieb es nicht bei der bloßen Übernahme. Japanische Mediziner zeigten eine erstaunliche Selbstständigkeit, verwarfen oder veränderten chinesische Konzepte und entwickelten eigene Therapien wie die „Hammernadelung“ (uchibari) nach Mubun oder Instrumente wie die „Röhrennadel“ (kudabari) nach Sugiyama Wa'ichi.[16]


Zu folgenreichen Auseinandersetzungen unter den Ärzten kam es im 17. Jahrhundert. Eine Ärztegruppierung wandte sich gegen den Import damals neuartiger Techniken aus China und griff zur Erneuerung der Medizin auf das damals schon über 1500 Jahre alte Werk Shang Han Lun (jap. Shōkan ron) zurück, jene Abhandlung, die durch Kälte verursachte fiebrige Erkrankungen unter klinische Beobachtung gestellt hatte. Die Erneuerer durch Rückgriff auf Altes setzten sich durch und begründeten einen eigenständigen Weg.

Zu der Bezeichnung Kampo-Medizin (漢方医学) kam es im 19. Jahrhundert, als es darum ging, die einheimische gegen die westliche Medizin abzugrenzen. „Kampo“ heißt „chinesisches Verfahren“, wobei das Zeichen für China (kan → 漢) das Bild von einem alten, vergangenen China hervorruft. Das Begriffsfeld ist nicht präzise abgegrenzt. Manchmal bezeichnet der Begriff das ganze Arsenal an Verfahren, das zur Anwendung kommt, auch Massage, Akupunktur und Diätetik. Häufig aber beschränkt er sich auf das Feld der Therapie mit Arzneidrogen.

Mit der Öffnung Japans Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die hergebrachte Medizin einem scharfen Wind ausgesetzt. Zu den neuen Regelungen von Seiten staatlicher Instanzen gehörten: Wer als Arzt praktizieren will, muss sich die Erlaubnis durch den Nachweis holen, dass er sich im Handwerk der aktuellen westlichen Medizin auskennt, der deutschen übrigens an erster Stelle. Dem dienten die neu gegründeten Universitäten. Wer also nur seine Erfahrung im Heilen mit hergebrachten Methoden vorweisen konnte, war zum Heilen nicht mehr berechtigt. Er wurde ausgeschieden aus dem Verband staatlich anerkannter Ärzte. Was aber nicht zum Absterben der Kampo-Medizin führte. Es hat sich ein Widerstand gegen den Ausschließlichkeitsanspruch der modernen westlichen Medizin erhalten. Es gab Bestrebungen, die Ärzte nach ihrer Approbation zum Arzt in westlicher Medizin eine Zusatzausbildung in Kampo-Medizin machen zu lassen. Mit gewissem Erfolg: 1976 wurden Kampo-Produkte kassenfähig. 1979 wird die erste Abteilung für Kanpomedizin in der medizinischen Fakultät einer staatlichen Universität gegründet.[17] Mittlerweile findet man solche Abteilungen an einer Reihe der angesehensten staatlichen und privaten Universitäten. Viele Apotheken führen eine mehr oder minder große Palette an chinesischen Rezepturen. An städtischen und privaten Kliniken Ärzte zu finden, die auch in Kampo-Medizin ausgebildet sind, ist in der Regel möglich.

Eine eigene Welt bildet die Akupunktur. Personell und institutionell ist sie von der Kampo-Medizin faktisch getrennt. Die Behandlung mit Arzneidrogen ist ganz in den Händen von approbierten Ärzten, diejenige mit Nadeln hingegen in denen von Therapeuten, die sich auch auf die Techniken des Massierens und weiterer manueller Verfahren verstehen. Entsprechende Praxen – oft im Stil einer kleinen Klinik mit einem oder zwei Dutzend Mitarbeitern ausgestattet – sind flächendeckend vorhanden und voll in das Gesundheitswesen integriert. Auch als Patient einer Pflichtkasse kann man mit direktem Gang zum Therapeuten, ohne sich zuerst bei einem Arzt ein Überweisungsschreiben holen zu müssen, Leistungen in Akupunktur oder Massage einfordern.


Aktueller TCM-Boom im Westen

Seit den 1950er-Jahren fand die TCM zunehmendes Interesse im westlichen Kulturkreis. In Deutschland hatten naturheilkundlich ausgerichtete Ärzte wie Heribert Schmidt, Gerhard Bachmann, Erich Stiefvater Teile von ihr rezipiert. Ihre Kenntnisse bezogen sie aus Vietnam und Japan und inkorporierten neue Erkenntnisse von Sinologen. Zur Verbreitung der TCM haben unter anderem die Werke von Manfred Porkert beigetragen. Seine "Klinische Chinesische Pharmakologie" von 1978 zum Beispiel bietet zum ersten Mal in einer westlichen Sprache eine umfassende Beschreibung der Wirkungen von chinesischen Arzneidrogen.

Mit der politischen Öffnung Chinas und den damit einhergehenden Reiseerleichterungen erlebte vor allem die Akupunktur seit den 1970er-Jahren einen regelrechten Boom. Als Auslöser gilt der Bericht eines amerikanischen Journalisten über die erfolgreiche Akupunktur-Schmerzbehandlung nach seiner eigenen Blinddarm-Operation während eines Chinabesuchs im Jahr 1971.[18] Einer der großen Vermittler unter den China-Reisenden von damals ist der Nordamerikaner Ted J. Kaptchuk, dessen 1983 erschienenes Buch „The Web That Has No Weaver“ (dt.: Das große Buch der chinesischen Medizin 1988) wesentlich zur Popularität der TCM beigetragen hat.

Situation im deutschsprachigen Raum

Die TCM ist mittlerweile auch im deutschen Gesundheitswesen verbreitet, obschon gesundheitspolitisch nur begrenzt anerkannt, und verfügt über eine Reihe von ärztlichen Gesellschaften. Die „Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur“ (DÄGfA ) gehört zu den größten dieser Gesellschaften und ist eine der größten Fachgesellschaften auf dem Gebiet der Naturheilkunde. Das gesamte Feld chinesischer Therapien, insbesondere auch die Phytotherapie, deckt die "Societas medicinae Sinensis" ab (SMS - Internationale Gesellschaft für Chinesische Medizin). Die DECA, eine Vereinigung von Ärzten zur „Dokumentation von Erfahrungsmaterial der Chinesischen Arzneitherapie“, betreibt auch Forschung, indem sie von Erfolgen berichtet, insbesondere bei „austherapierten“ Patienten, etwa bei der Behandlung von chronisch entzündlichen Erkrankungen und bei neurologischen Krankheitsbildern. Im Anschluss an groß angelegte Modellversuche zur Überprüfung der Wirksamkeit von Akupunktur voraus („Gerac-Studien“) wird Akupunktur seit dem 1. Januar 2007 bei chronischen Schmerzen der Lendenwirbelsäule und des Kniegelenks als Kassenleistung anerkannt.

In der Schweiz werden die Behandlungskosten von EMR-anerkannten, nicht-ärztlichen TCM-Therapeuten weitgehend durch die Zusatzversicherungen gedeckt. Die Zulassung für TCM-Therapeuten ist föderalistisch geregelt, hauptsächlich gelten die Anforderungen des Schweizerischen Berufsverbandes für TCM (SBO-TCM), welcher sich wiederum nach den Standards der NCCAOM und ETCMA richtet. Diverse Schulen sind vom SBO-TCM empfohlen und bieten mehrjährige, umfangreiche Vollzeitausbildungen an. Von den ärztlichen Behandlungsmethoden mit TCM kann seit 2006 nur noch Akupunktur über die Grundversicherung abgerechnet werden, alle übrigen Therapiemethoden der TCM können durch eine allenfalls abgeschlossene Zusatzversicherung rückvergütet werden. Die Standards für ärztliche Fähigkeitsausweise für TCM werden hauptsächlich durch den Dachverband der schweizerischen, ärztlichen TCM Verbände (ASA) gesetzt.

In Wien gibt es eine Privatuniversität, die sich gänzlich der Forschungs- und Lehrarbeit im Bereich der traditionellen chinesischen Medizin verschrieben hat, die TCM Privatuniversität Li Shi Zhen.

 

Quelle: Wikipedia
Urheber: Gemeinschaft der Wikipedia-Autoren
Version vom 25. Oktober 2009 um 17:50 Uhr
abrufbar unter:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Traditionelle_chinesische_Medizin&oldid=66002929

Lesen Sie Weiter:

Siehe auch:

 

 1. ↑ Siehe zum Beispiel den Sprachgebrauch beim "14th International Congress of Oriental Medicine" in Taiwan, 2.–4. Dez. 2007.
2. ↑ Legal Status of Traditional Medicine and Complementary/Alternative Medicine: A Worldwide Review, S. 2. (Dokument als PDF)
3. ↑ Paul U. Unschuld: China. in: Heinrich Schipperges, Eduard Seidler, Paul U. Unschuld (Hrsg.), Krankheit, Heilkunst, Heilung. Verlag Karl Alber, Freiburg und München 1978, ISBN 3-495-47388-2, S. 193-227
4. ↑ Unschuld (1978), China. siehe auch [1]
5. ↑ Unschuld (1978), China
6. ↑ Unschuld (1978), China, S. 201
7. ↑ Unschuld (1978), China.
8. ↑ Unschuld (1978), China, S. 207
9. ↑ nach: Unschuld (1978), China, S. 210 ff
10. ↑ Siehe zum Beispiel die Onlineversion einer Ausstellung der US National Library of Medicine vom Oktober 2000: "Classics of Traditional Chinese Medicine"
11. ↑ W. Michel: Frühe westliche Beobachtungen zur Akupunktur und Moxibustion. Sudhoffs Archiv, Vol. 77, No. 2 (Stuttgart 1993), 194-222. (Dokument als PDF)
12. ↑ W. Michel: Far Eastern Medicine in Seventeenth and Early Eighteenth Century Germany. Studies in Languages and Cultures (Faculty of Languages and Cultures, Kyushu University), No. 20 (2004), pp. 67-82. (Dokument als PDF)
13. ↑ Deutsche Ausgabe von 1676: Hermann Buschof - Das genau untersuchte und auserfundene Podagra, Vermittelst selbst sicher=eigenen Genäsung und erlösenden Huelff=Mittels. (W. Michel hrsg.) Haug Verlag, Heidelberg 1993. 148pp.
14. ↑ Wilhelmi ten Rhyne M.D. &c. Transisalano-Daventriensis Dissertatio de arthritide: Mantissa schematica: De acupunctura: et Orationes tres. (London, 1683). Siehe Website der Groupe d'Etude et de Recherche en Acupuncture. Dort auch Auszüge aus der Schrift auf Englisch als PDF. Deutsche Übersetzung der Mantissa Schematica im Kyushu University Institutional Repository
15. ↑ Die Ausführungen zur Tradition der chinesischen Medizin in Japan beruhen auf den Artikeln der japanischsprachigen Wikipedia zu den Themen: "Traditionelle chinesische Medizin" - 伝統中国医学, "Chinesische Medizin" - 中医学, "Koreanische Medizin" - 韓医学 und "Kampo-Medizin" - 漢方医学
16. ↑ Einen knappen Überblick zu den Besonderheiten der japanischen Akupunktur findet man im Kyushu University Institutional Repository (QIR) (Dokument als PDF)]
17. ↑ "Department of Oriental Japanese Medicine" an der Medizinischen Fakultät der Universität Toyama.
18. ↑ J. Reston: Now about my operation in Peking. In: New York Times. 1:6, 1971.
19. ↑ Dazu die in der Literaturliste aufgeführten Bücher von: Ted J. Kaptchuk, Das große Buch der chinesischen Medizin; Giovanni Maciocia, Die Grundlagen der chinesischen Medizin; Manfred Porkert, Die theoretischen Grundlagen der chinesischen Medizin. Eine kompakte Darstellung des Begriffs Qi gibt: Christian Schmincke, Der Energiebegriff in der chinesischen Medizin – Wie das Qi die Welt bewegt, in: Naturarzt, Heft 08/2005, S. 39-41. (Manuskript als PDF)
20. ↑ Wolfgang Bauer, Geschichte der chinesischen Philosophie, C.H. Beck, München 2001, S. 95, ISBN 3-406-47157-9
21. ↑ Zum historischen Hintergrund des Systems der Trakte und Kanäle siehe Lu Gwei-Djen / Joseph Needham, Celestial Lancets, S.13ff.
22. ↑ Manfred Porkert: Klinische Chinesische Pharmakologie. Fischer, Heidelberg 1978, ISBN 978-3-85597-002-5
23. ↑ Manfred Porkert: Klinische Chinesische Pharmakologie. Fischer, Heidelberg 1978, ISBN 978-3-85597-002-5, S. 52–59.
24. ↑ Manfred Porkert: Klinische Chinesische Pharmakologie. 1978, S. 3-34
25. ↑ Manfred Porkert: Klinische Chinesische Pharmakologie. S. 30 u. 31
26. ↑ Manfred Porkert: Klinische Chinesische Pharmakologie., S. 30
27. ↑ Kuhn T, Wang Y (2008): Artemisinin - an innovative cornerstone for anti-malaria therapy.Progress in Drug Research. 2008;66:383, 385-422. PMID 18416312
28. ↑ im Deutschen Ärzteblatt unter den Titeln "Akupunktur bei chronischen Knie- und Rückenschmerzen" und "Akupunktur bei chronischen Kopfschmerzen". Siehe http://www.gerac.de/de_index_publikationen.htm
29. ↑ Heinz G. Endres, Norbert Victor, Michael Haake, Steffen Witte, Konrad Streitberger, Michael Zenz: Akupunktur bei chronischen Knie- und Rückenschmerzen - Acupuncture for the Treatment of Chronic Knee and Back Pain. In: Deutsches Ärzteblatt. 104(3), 2007
30. ↑ A. Shang, K. Huwiler, L. Nartey, P. Jüni, M. Egger: Placebo-controlled trials of Chinese herbal medicine and conventional medicine comparative study. In: International Journal of Epidemiology. 36(5), 2007
31. ↑ Siehe abstract der Studie.
32. ↑ Dawkins, Richard, The Enemies of Reason
33. ↑ Chinas Heilpflanzen bereichern Bayerns Anbaupalette
34. ↑ Langzeitstudie über mögliche Nebenwirkungen der chinesischen Kräuter
35. ↑ Mitteilungen der Securvita vom 13. März 2003: Wer schützt die Heilpflanzen? SECURVITA kooperiert mit dem WWF
36. ↑ Science. Band 313 (Heft 5786), 20. Juli 2006, S. 419.
37. ↑ Siehe das Abstract des Berichts der WSPA vom 12. Juni 2007: From Cage to Consumer - The global trade in bear parts from China to Asia and beyond. Dort auch Links zum Download des 28-seitigen Dokuments als PDF (ca. 3,3 MB) und zu weiteren Informationen.
Eine knappe, alles Wesentliche enthaltende Darstellung des Themas gibt Marcus Anhäuser im Wissenschaftsteil der Süddeutschen Zeitung vom 20. Juni 2007: Einzelhaft für Kragenbären
38. ↑ Dazu der Abschnitt "Dem Tod verschrieben – Die (Über)nutzung von wildlebenden Arten für TCM"> im Artikel Traditionelle Chinesische Medizin auf der Website des NABU.
39. ↑ Geschichte und Ziele der AG "Medizin und Artenschutz" - Eine Expertengruppe formiert sich
40. ↑ "Keine bedrohten Tiere auf Rezept!" - Pro Wildlife und Internationale Gesellschaft für Chinesische Medizin kooperieren im Artenschutz

 


 

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