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Für Europäer ist die Welt der
chinesischen Kalligraphie faszinierend und rätselhaft
zugleich. Für viele Chinesen ist das konzentrierte,
regelmäßige Kalligraphierein eine das Wohlbefinden
fördernde Übung, sportlichen Aktivitäten wie Golf oder
Tennis vergleichbar. Durch seinen meditativen Charakter
trägt das Schreiben chinesischer Schriftzeichen zur inneren
Ausgeglichenheit und Ruhe bei.
Auf unserer Webseiten finden Sie grundlegende
Informationen über die Materialien, Arbeitsgeräte
und Techniken.
Die chinesische Kalligraphie steht
in enger Verwandtschaft mit der Malerei. Beide Kunstformen
verwenden die gleichen Materialien und eine ähnliche
Arbeitsweise. Viele Bilder werden durch Schriftzeichen
erläutert bzw. ergänzt. Dei chinesische Schreib- und Malkunst
folgen außerdem den gleichen ästhetischen Prinzipien.
Ihre Entwicklung über viele Jahrhunderte steht in engem Zusammenhang
mit der Erfindung ihrer Arbeitsmittel: Pinsel, Tusche und
Papier. Im Reich der Mitte hat die Kalligraphie einen
hohen künstlerischen Rang und einen große und sehr alte Tradition.
Meister der Kalligraphie genossen ein hohes Ansehren; Ihre
meist durch eine einzigartige Handschrift geprägten Werke
waren of Vorbild für viele nachfolgende Generationen. Die
chinesische Kalligraphie entwickelte eigene Techniken,
Ausdrucksformen, ästhetische Gesetze und Vorstellungen
vom stilvollen Schönen, die für Europäer schwer
zugänglich sind.
Die chinesischen Schriftzeichen
sind semantische Einheiten, d.h. sie entsprechen ganzen Wörtern
oder Wortkombinationen. Ein Schriftzeichen ist also ein
feststehendes Begriffszeichen mit genau vorgeschriebener
Zusammensetzung und hat nichts mit unserer Schrift
gemeinsam, die sich aus Buchstaben zusammensetzt.
Die Ursprünge der chinesischen
Schrift liegen im 3. Jahrtausend v. Chr. Am Anfang stand
eine Art von Bilderschrift mit einfachen Zeichnungen und
klar erkennbaren Bildern von einfachen Gegenständen. Die
Entwicklung der Schriftzeichen begann etwa im 17.
Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Es entstanden
sogenannte Piktogramme als direkte Abbildungen von Dingen;
Schrift und Bilder sind hier eine Einheit. In der weiteren
Entwicklung entfernte sich die chinesische Schrift
schrittweise von der direkten Abbildung und wurde
abstrakter. Es entstanden Ideogramme, d. h. Darstellungen
von abstrakten Ideen, also von Verhältnissen,
Zusammenhängen, Gefühlten usw. Viele dieser
Schriftzeichen entstanden durch Kombination einfacher
Begriffe. Um 200 v. Chr. setzte sich die Kleine Siegelschrift
als einheitliche Schrift für das ganze chinesische
Reich durch. Sie war Ausgangspunkt für mehrere
nachfolgende Schreibstile, zunächst für die weniger
formale und schneller zu schreibende Kanzleischrift (
Li SHu ), die in der Han-Zeit entstand. Diese Schrift
bildete die Basis für die moderne chinesische Schrift. In
der Linienführung von Li Shu kann man bereits die durch
den elastischen Pinsel ermöglichten unterschiedlichen
Ausdrucksformen erkennen. Im 3 und 4. Jh. nach Chr.
entwickelten sich die drei wichtigsten, heute noch
gebräuchlichen kalligraphischen Schreibstile: die
normale Schreibschrift ( Kai Shu ), die Kurrentschrift
(Xing Shu) und die sogenannte Grassschrift ( Cao
Shu).
Es gibt 50 000 und 60 000 chinesische
Schriftzeichen; niemand kennt sie alle. Im
normalen täglichen Gebrauch, z. B. Beim Lesen einer
Zeitung, reicht die Kenntnis von 3000 bis 6000 Zeichen
vollkommen aus. In den 50er Jahren misslang der Versuch
eine Lautschrift mit lateinischen Buchstaben einzuführen,
die die komplizierten Schriftzeichen ersetzen sollte. Die
alten Zeichen haben den Vorteil, dass alle Chinesen sie
verstehen können, während die großen Unterschiede
zwischen den Sprachen der Nord- und Südchinesen eine
direkte verbale Verständigung unmöglich machen.
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